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Tiefenrausch / Sickstoffnarkose – von Martin Pauli

Der Stickstoff (N2) unserer Atemluft kann ab einen Stickstoffpartialdruck (pN2) zwischen 2,3 und 3,0 bar, entsprechend einer Tauchtiefe zwischen 20 und 30 Meter, narkotisierend auf das zentrale Nervensystem (ZNS) einwirken. In Taucherkreisen ist dieses Phänomen als Tiefenrausch oder auch Stickstoffnarkose bekannt.

Verschiedene Parameter, wie z.B. Kälte, Anstrengung, Müdigkeit, Restalkohol, aber auch die psychische Verfassung des Tauchers, können diese Wirkung begünstigen oder auch verstärken. Wie aber kommt es nun genau zum Tiefenrausch? Die narkotisierende Wirkung des Stickstoffs beruht auf dessen Fettlöslichkeit. Ähnlich wie andere Inertgase (Xenon, Krypton, Argon, Neon) wird Stickstoff in die fetthaltigen Zellen des ZNS eingelagert. Das Phänomen „Tiefenrausch“ ist noch nicht abschließend untersucht, die wahrscheinlichste Erklärung ist aber eine Veränderung des Membranpotentials an den Synapsen des ZNS. Hierdurch kommt es zu einer Verzögerung, respektive einer Blockade, der Übertragung von Botenstoffen. Die Wirkung stellt sich in der Regel analog zu anderen Narkotika dar: Euphorische Stimmung mit daraus resultierendem Verlust von Selbstkontrolle. Die individuellen Symptome sind dabei äußerst vielfältig und decken ein Spektrum von kompletter Lethargie bis zur Hysterie ab. Die Informationsverteilung von einer Nervenzelle zur nächsten erfolgt über elektrische Impulse. Diese werden dabei von der Nervenzelle über das Axon, den zentralen Strang der Nervenfaser, an den Signalempfänger weitergeleitet. Die Übertragung dieses Impulses an die nächste Nervenzelle erfolgt über die sog. Synapsen. Die Synapsen stellen sich als kleine, kugelförmige Aufschwellungen am Ende des Axons dar. Zwischen der Synapse und der nachgelagerten Zelle befindet sich der sog. synaptische Spalt. Dieser ist gerade einmal einen 0,2 Millionstel Millimeter breit. Das aus dem Axon kommende elektrische Signal führt an der Synapse zur Ausschüttung von Überträgerstoffen, den sog. Transmittern, in den synaptischen Spalt. Diese Transmitter erzeugen durch Öffnung von Ionenkanälen eine Spannungsänderung an der Zellmembran, welche wiederum als elektrischer Impuls weitergeleitet wird. Die fetthaltigen Membranen der Nervenzelle sind nun der Angriffspunkt der Inertgase. Ausgelöst durch die Stickstoffanreicherung kommt es zu einer Dehnung der Zellmembran und zu einer Weitstellung der Ionenkanäle. Diese Erweiterung führt zu einer spontanen Auslösung von Nervenimpulsen. Überschreitet die Ausdehnung der Zellmembran das sog. kritische Volumen, so stehen nicht mehr genügend Ionen für einen normalen Reizaufbau zur Verfügung und die Reizleitung bricht zusammen. Der Tiefenrausch selbst ist völlig nachwirkungsfrei. Die Symptome lassen sich augenblicklich durch ein Absenken des pN2, d.h. durch ein Auftauchen in eine geringere Tiefe, verringern und beseitigen. Dies beruht neben der Absenkung des Stickstoffpartialdrucks auch auf der hervorragenden Durchblutung der Zellen des ZNS und dem damit verbundenen schnellen Abbau der Stickstoffaufsättigung. Der menschliche Körper verhält sich bei wiederholter Exposition meistens adaptiv. Taucher, die häufiger Tiefenbereiche ab 30 Meter aufsuchen, berichten von einer Verminderung der Anfälligkeit für einen Tiefenrausch. Da der Tiefenrausch allerdings auch durch die oben beschriebenen Parameter begünstigt wird, ist dies in meinen Augen eine äußerst zweifelhafte Praxis. Gegenmaßnahmen Wie bereits oben beschrieben sind die Auswirkungen des Tiefenrausches bereits durch das Auftauchen in eine geringere Tiefe vollständig reversibel. Hauptaugenmerk sollte also auf der Erkennung des Tiefenrausches durch den Tauchpartner liegen, da das eigene Urteilsvermögen unter Umständen stark beeinträchtigt werden kann. Verfahren zur Erkennung eines Tiefenrausches sind somit elementarer Bestandteil der Tauchgangsplanung für einen Tieftauchgang. Bewährt hat sich die Kombination des OK-Zeichens mit einer mit den Fingern angezeigten Zahl, die bei Antwort durch den Tauchpartner zu verdoppeln ist. So kann eine automatisierte, reflexartige und evtl. unrichtige Antwort unwahrscheinlicher werden. Erkennt man bei seinem Tauchpartner Anzeichen eines Tiefenrausches, so ist dieser sofort, unter Einhaltung aller Sicherheitsaspekte, wie z.B richtige Aufstiegsgeschwindigkeit und Sicherheitsstop in eine geringere Tiefe zu bringen. Unlogisches Verhalten seitens des betroffenen Tauchpartners muss dabei ständig in Betracht gezogen werden, enger Buddy-Kontakt ist hier unerlässlich. Ein erneutes Abtauchen sollte in diesem Tauchgang unbedingt vermieden werden. Tiefenrausch lässt sich vermeiden und ist bei guter eigener Aufmerksamkeit und der des Buddies in den Griff zu bekommen. Bei Tiefen, die geringer als 25 Meter sind tritt er äußerst selten auf.

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